Entstehung
Seit Ende der letzten Eiszeit, ca. 10.000 Jahre vor unserer Zeitrechnung hat der Mensch die Oberallgäuer Landschaft beeinflusst und gestaltet. Frühe steinzeitliche Kulturen haben den Raum zur Jagd genutzt und keine tiefgreifenden Veränderungen der Landschaft verursacht.
Mit dem Aufbau bäuerlicher Strukturen und der damit verbundenen Nutztierhaltung hat sich dies grundlegend geändert. Es wurden Hofstätten und Dörfer errichtet, Wälder gerodet und Weidetierhaltungen etabliert. So sind auch die zahlreichen, landschaftlich prägenden Alpflächen entstanden. Die Landschaft hat sich „geöffnet“ und während langer Zeiträume des Mittelalters gab es im Oberallgäu wesentlich mehr Wiesen und Weiden und weniger Wald als heute.
Heute gleicht sich das Verhältnis wieder aus und die Waldfläche hat zugenommen. Diesen vor den Herausforderungen des Klimawandels „Klimafit“ zu machen, ist eine der zentralen Aufgaben.
Kulturlandschaft oder Naturlandschaft (Wildnis)
Zwischen beiden Begriffen gibt es große Unterschiede. Während die Kulturlandschaften, wie oben beschrieben, von Menschenhand geschaffen wurden und laufend gepflegt werden, gibt es in Naturlandschaften keine direkten menschlichen Einflüsse. Dort werden natürliche Prozesse zugelassen, der Mensch greift nicht ein.
Auch im Oberallgäu gibt es diese Naturlandschaften (Wildnisgebiete), z.B. in den höchsten Gebirgslagen oberhalb der Waldgrenze, in tiefen Schluchten oder Steilhängen, in intakten Hochmooren oder in den sog. Naturwäldern, in denen keine Bewirtschaftung stattfindet. Diese Flächen sind verhältnismäßig klein, aber eine willkommene Ergänzung einer überaus wertvollen Kulturlandschaft.
Traditionell und kleinteilig!
Was bedeutet „wertvoll“ und wann wird eine Kulturlandschaft „wertvoll“.
Das 12 Punkte-Papier
Das nachfolgend dargestellte 12 Punkte-Papier ist das Ergebnis einer gemeinsamen Definition dessen, was unsere Kulturlandschaft kennzeichnet und
welche Bedeutung sie für das Leben im Oberallgäu hat.
1. Von Menschenhand Gestaltet und Gepflegt
Im Oberallgäu leben wir in einer multifunktionalen Kulturlandschaft. Angepasst an die naturräumlichen Voraussetzungen, wie Relief, Klima und Boden, bewirtschaften Menschen seit Jahrhunderten unsere Natur. Kulturlandschaft ist somit primäre Gestaltungs- und Pflegeaufgabe des Menschen. Kleinteilige Kulturlandschaften sind voller Leben und unterliegen Veränderungen, die mit dem Wandel der Nutzungen und der natürlichen Gegebenheiten einhergehen.
Darüber hinaus gibt es Naturlandschaften, wie Wildflüsse, intakte Hochmoore, Naturwaldreservate und viele alpine Lebensräume, die nicht durch menschliche Bewirtschaftung geprägt wurden. Nachfolgend beziehen wir uns ausschließlich auf die Kulturlandschaft des Oberallgäus.


2. Identifikation und Heimat
Die einzigartige, als äußerst attraktiv empfundene und in vielerlei Hinsicht wertvolle Kulturlandschaft des Oberallgäus ist unsere Heimat – ein Dreiklang aus Gemeinschaft, Raum und Tradition. Dort stillen wir unsere Bedürfnisse nach Identität, Stabilität und aktiver Lebensgestaltung und übernehmen Verantwortung. In unserer Kulturlandschaft zeigen sich die Spuren der Vergangenheit. Sie ist Existenzgrundlage heute sowie in der Zukunft. Traditionsbewusstsein und Bodenständigkeit sind ebenso eng mit unserer Kulturlandschaft verbunden, wie Neugier und Aufgeschlossenheit gegenüber der Welt.


3. Quell der Lebensvielfalt
Saftige Wiesen, sattgrüne Wälder, bunte Alpweiden, sanfte Hügel, markante Berggestalten und sprudelnde Bergbäche sind das Gesicht unserer Landschaft. Sie beherbergt als Zentrum der Biodiversität (Lebensvielfalt) zahlreiche Pflanzen- und Tierarten und ist Lebensgrundlage für uns Menschen. Diese landschaftliche Vielfalt wird durch Menschen gepflegt, gestaltet und genutzt. Durch eine nachhaltige Bewirtschaftung und einem guten Miteinander tragen wir tagtäglich zum Erhalt der Lebensvielfalt bei.


4. Landwirtschaft als Grundlage für hochwertige und regionale Produkte
Im Landkreis Oberallgäu gibt es etwa 2.300 landwirtschaftliche Betriebe. Der weitaus größte Anteil der landwirtschaftlichen Nutzflächen sind Wiesen und Weiden in all ihrer Vielfalt.
Die Milchviehhaltung ist der bedeutendste landwirtschaftliche Betriebszweig der Region und bildet die Grundlage für die Alpwirtschaft. Die Bäuerinnen und Bauern bewirtschaften das offene, grüne Allgäu und produzieren wertvolle, regionale und nachhaltige Lebensmittel. Charakteristisch sind die bäuerlichen Familienbetriebe, die die Landschaft in unterschiedlicher Intensität bewirtschaften und damit ihren Lebensunterhalt bestreiten.
Knapp ein Drittel der landwirtschaftlich genutzten Fläche wird nach den Kriterien des ökologischen Landbaus bewirtschaftet. Insgesamt nehmen knapp die Hälfte aller landwirtschaftlichen Betriebe am Vertragsnaturschutzprogramm (rund 15 % der landwirtschaftlich genutzten Fläche) und fast alle am Kulturlandschaftsprogramm teil.


5. Vielfalt durch Alpwirtschaft
Die Hälfte der Gebirgsfläche des Landkreises wird alpwirtschaftlich genutzt. Dies ist bayernweit einmalig. Die Alpwirtschaft prägt das Oberallgäu wesentlich – mit ca. 660 anerkannten Alpen, die vielfältige Leistungen erfüllen. Durch die Beweidung der Flächen unterhalb der Waldgrenze werden diese offen gehalten, wodurch ein abwechslungsreiches Landschaftsmosaik entsteht.
Neben der Erweiterung der Futtergrundlage der Talbetriebe dient diese traditionelle, extensive Form der Tierhaltung auch dem Erhalt der Naturvielfalt: Auf Alpweiden wachsen wesentlich mehr Blütenpflanzen als im Tal. Das Berggebiet mit der prägenden Alpwirtschaft ist Rückzugsraum gefährdeter Tier- und Pflanzenarten. Es gehört damit zu den artenreichsten landwirtschaftlich genutzten Regionen Europas.
Die meisten Alpen sind Jungviehalpen, sogenannte Galtalpen. Zudem wird auf den für Bayern einzigarten Sennalpen aus der Milch der Kühe ein regional veredeltes Produkt nach altem Handwerk hergestellt: der Allgäuer Sennalpkäse.



6. Rohstoff, Lebensraum und Schutz durch Forstwirtschaft
Im Oberallgäu sind rund 35 % der Fläche von Wald bedeckt. Der Wald ist damit ein wichtiger Bestandteil des Landschaftsbildes und trägt mit seinen vielen Funktionen – insbesondere als Schutzwald – maßgeblich zur Lebensqualität bei. Der Wald schützt die Bevölkerung und die Infrastruktur vor Lärm, Lawinen, Steinschlag und Murenabgängen, liefert sauberes Trinkwasser und verbessert durch seine Wasserrückhaltekraft den lokalen und regionalen Hochwasserschutz. Er bietet Lebensraum für viele Tier-, Pflanzen- und Pilzarten. Für uns Menschen ist der Wald zugleich Erholungs- und Wirtschaftsraum.
Holz ist unser wichtigster nachwachsender Rohstoff und Energieträger. Die Forst- und Holzwirtschaft ist damit auch ein bedeutender Wirtschaftszweig im Oberallgäu. Die 20.000 Waldbesitzer im Oberallgäu sorgen durch eine nachhaltige und naturnahe Waldbewirtschaftung und den Umbau der Wälder in stabile und an den Klimawandel angepasste Mischbestände für den Erhalt aller Waldfunktionen.
Kleinere, nutzungsfreie Naturwaldflächen ergänzen die überwiegend bewirtschafteten Wälder und fördern auf Totholz spezialisierte Arten.


7. Wertschöpfung für die Region
In unserer Kulturlandschaft werden bedeutende regionale Werte geschaffen. Sie ist das eigentliche Kapital des Oberallgäus und sollte auf eine nachhaltige und ressourcenschonende Nutzung ausgerichtet sein.
Im Wald wird wertvolles Bauholz produziert, das zum Beispiel in Form von Holzhäusern zur regionalen Baukultur beiträgt. Damit wird Kohlenstoff fixiert und den Bewohnerinnen und Bewohnern ein gutes Wohn- und Lebensgefühl gegeben.
In der Land- und Alpwirtschaft werden in einer langen Tradition hochwertige Milch- und Fleischprodukte hergestellt. Sie sind Aushängeschilder des Wirtschaftsstandorts Allgäu und umfassen vom Direktvermarkter bis zum Global Player ein breites Spektrum an erzeugenden, verarbeitenden und vermarktenden Betrieben.
Das Oberallgäu als Tourismus-, Erholungs- und Freizeitstandort steht auf dem Fundament einer vielfältigen, erlebnisreichen Kulturlandschaft, herzlichen und heimatverbundenen Gastgebern und Gastgeberinnen sowie von Gastronomen, die auf regionale, hochwertige Lebensmittel setzen. Die hier generierte Wertschöpfung ist von außerordentlich großer Bedeutung für die Region. Sie ist die Grundlage für zahlreiche Arbeitsplätze bei Beherbergungsbetrieben, Gaststätten, Zulieferern sowie den Anbietern von Freizeitaktivitäten.


8. Der Herausforderung Klimawandel begegnen
Der Klimawandel ist im Alpenraum deutlich spürbar und bedroht sensible Lebensräume. Wetter- und Witterungsextreme nehmen zu, Starkniederschläge und Trockenheit wechseln in kurzen Abständen. All dies hat konkrete Auswirkungen auf unsere Kulturlandschaft und stellt Menschen, Tiere und Pflanzen vor neue Herausforderungen.
Die Oberallgäuer Kulturlandschaft weist aufgrund ihrer Kleinstrukturiertheit eine vergleichsweise hohe Resilienz gegenüber den Klimawandeleinflüssen auf. Diese Stabilität zu bewahren, ist eine der Aufgaben, denen sich die Partner der Allianz Kulturlandschaft Oberallgäu stellen und sich dabei gegenseitig unterstützen.
Um traditionelle Bewirtschaftungsformen unter den Anforderungen des Klimawandels in die Zukunft zu führen und die hohe Resilienz der Landschaft zu erhalten, sind an vielen Stellen Anpassungen erforderlich, unter anderem:
- In der Alpwirtschaft müssen Auftriebszeiten, Viehbesatz und Weideführung angepasst sein, um den Veränderungen von Vegetationsperiode und Wasserverfügbarkeit während des Alpsommers gerecht zu werden.
- Im Wald, insbesondere im Bergwald, ist der Umbau zu klimastabilen Mischwäldern von zentraler Bedeutung.
- Hinsichtlich des Wasserhaushalts geht es zunehmend darum, Wasser in der Landschaft zu halten und nicht mehr möglichst schnell abzuführen.
- Touristisch gilt es Angebote zu schaffen, die den extremeren Witterungsbedingungen sowie der immer kürzeren Wintersaison gerecht werden.
- Um die wertvolle Pflanzen- und Tierwelt des Oberallgäus zu erhalten, die besonders unter den Folgen des Klimawandels leidet, müssen landschaftspflegerische Maßnahmen und die Landbewirtschaftung angepasst werden.




9. Unsere besondere Verantwortung
Der Rückgang der biologischen Vielfalt hat sich weltweit in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch beschleunigt, was hauptsächlich auf die Aktivitäten des Menschen zurückzuführen ist.
Im Landkreis Oberallgäu hat die naturräumliche Ausstattung und die daran angepasste traditionelle kleinteilige Bewirtschaftung in der Vergangenheit zu einem hohen Maß an Biodiversität geführt. Gerade im vielfältigen und strukturreichen Alpenraum finden viele heute gefährdete bzw. seltene Arten Rückzugsräume, die es zu erhalten gilt. Als Folge dessen weist das Oberallgäu im bayernweiten Vergleich einen außerordentlich hohen Anteil an Schutzgebieten (22,7 % der Flächen sind als Biotope kartiert, 15,6 % sind als Naturschutzgebiet verordnet) auf.
Für die Bewirtschafter führt der Erhalt der Biodiversität oft zu einem Mehraufwand durch eine schonende und angepasste Nutzung und ggf. zu geringeren Erträgen auf der Fläche. Die notwendigen Maßnahmen, wie zum Beispiel Landschaftspflege und Lenkung der Freizeitnutzung, stärken gleichzeitig die Resilienz der Landschaft als unsere Lebensgrundlage.
Auch im Oberallgäu ist die hier aktuell noch verhältnismäßig hohe Biodiversität gefährdet. Durch den landwirtschaftlichen Strukturwandel geben kleinbäuerliche Betriebe zunehmend ihre Arbeit auf, wodurch wichtige Landschaftspfleger und –gestalter wegfallen.


10. Wertschätzung für Okosystemdienstleistungen
Die Ökosystemdienstleistungen machen den umfassenden Wert der Kulturlandschaft für den Menschen sichtbar. Diese sind zum Beispiel die Wasserrückhaltung oder die CO2-Speicherung, die Bereitstellung von Nahrungsmitteln und Trinkwasser oder von Holz als Baumaterial sowie die Erholungsfunktion.
Durch eine ökosystemorientierte Landnutzung werden im Idealfall alle Dienstleistungen in unterschiedlicher Ausprägung, räumlich eng verzahnt, erbracht (multifunktionale Landschaft). Es gibt hierbei Flächen, bei denen einzelne Dienstleistungen im Vordergrund stehen, wie zum Beispiel Talwiesen und -weiden, die in erster Linie der Lebensmittelproduktion dienen. Gleichzeitig gibt es Flächen, die ein breites, ausgewogenes Spektrum an Dienstleistungen erbringen, wie ein gut strukturierter Bergmischwald, eine artenreiche Alpweide bis hin zu kleinräumigen Strukturelementen, wie Hecken, Einzelbäumen und Kleingewässern.
Durch das vielerorts noch kleinräumige, extrem vielfältige Nutzungsmosaik erbringt die Oberallgäuer Kulturlandschaft aktuell einen außerordentlich wichtigen Beitrag zur Daseinsvorsorge für die Menschen vor Ort und für die Gesellschaft insgesamt. Sie ist die zentrale Grundlage, auf der unser Lebens- und Wirtschaftsraum basiert und für den Erhalt stabiler Lebensverhältnisse im Klimawandel unverzichtbar. Der Erhalt dieser speziellen Landschaftscharakteristika des Oberallgäus ist somit eine vordringliche Aufgabe für die gesamte Gesellschaft!


11. Mein Beitrag für unsere Kulturlandschaft
Unsere Kulturlandschaft braucht die Land-, Alp- und Forstwirtschaft als Bewahrer und Gestalter – sie braucht aber auch jede und jeden Einzelnen. Durch den Einkauf regionaler Lebensmittel und von Holzprodukten aus heimischen Wäldern kann jede und jeder aktiv die Kulturlandschaft mitgestalten und Verantwortung übernehmen. Das bringt Wertschöpfung für die Region und schafft bzw. erhält Arbeitsplätze.
Das Wissen über regionale Kreisläufe von der Weide bis auf den Teller und vom Wald bis ins Wohnzimmer weiter zu geben und für den Zusammenhang zwischen unserem Einkauf und der Landschaft vor unserer Haustür zu sensibilisieren ist ein wichtiger Beitrag, den jede und jeder leisten kann.
Zudem bieten regionale Organisationen die Möglichkeit, sich ehrenamtlich zu engagieren. Wertschätzende Kommunikation und verantwortungsvolles Verhalten – im Alltag und in der Freizeit – motiviert die Akteure für ihre tägliche Arbeit in der Landschaft.

12. Respektvoll und gemeinschaftlich bringen wir Schützen und Nützen in Einklang
Unsere Kulturlandschaft steht vor großen Herausforderungen. Dies sind insbesondere:
- Klimaschutz und Anpassung an den Klimawandel
- Erhalt der Biodiversität und Strukturvielfalt
- Gesellschaftliche Ansprüche
- Land- und forstwirtschaftlicher Strukturwandel
- Freizeitverhalten der Gesellschaft
- Ständig steigender Ressourcenverbrauch mit entsprechendem Flächendruck bzw. Flächenkonkurrenz
- Nachhaltige Energieversorgung
Wir, die Allianz Kulturlandschaft Oberallgäu, setzen uns für den Erhalt und die Pflege der Kulturlandschaft im Einklang mit kooperativem Arten-, Lebensraum und Landschaftsschutz ein.
Wir verstehen dies als eine Gemeinschaftsaufgabe, die Fachkompetenz und persönlichen Einsatz von Grundeigentümern, Landnutzern, Fachbehörden und Verbänden erfordert. Basis hierfür ist eine vertrauensvolle Kommunikation und Zusammenarbeit miteinander und über die Allianz hinaus.
Wir finden gemeinsame Lösungen für die Herausforderungen zum Erhalt und der Entwicklung unserer vielfältigen Kulturlandschaft und unterstützen bei der Umsetzung.
